Gereifter Riesling in der Massenkonsumgesellschaft

Das Bestreben von Konsumenten, m??glichst vieles haben zu wollen und dies auch zu realisieren, ist eine Auswirkung der Massenkonsumgesellschaft. Es gilt, an der breiten Konsumwelt teilzuhaben. Nat??rlich will nicht jeder alles, das Konsumverhalten orientiert sich an den Bed??rfnissen der individuellen Lebenswelt. Eine Auswirkung dieses Konsummusters ist, sich m??glichst am Neuesten zu orientieren. Erst diese Form von Konsum beschleunigt die Entwicklung und Produktion neuer G??ter. Somit wird eine S??ttigung des Marktes ausgehebelt, Fortschritt und Massenabsatz werden erm??glicht. Der Trend lautet, dem Konsumenten immer wieder Neuerungen als notwendige G??ter zu verkaufen. Konsum muss beschleunigt stattfinden.

Auch beim Wein ist ein solches Konsumverhalten zu erkennen. Der Weinmarkt bietet Entdeckungen, die schnell erfahren werden wollen. Trends beschleunigen dies, wollen Weinliebhaber doch an den aktuellen Diskursen teilnehmen, bevor der n??chste Trend als Abl??sung bereitsteht. Weine werden gekauft und getrunken, danach ist man auf der Suche nach der n??chsten Entdeckung. V??llig nachvollziehbar.
Leider hat dies Auswirkungen auf die geschmackliche Wahrnehmung von Wein. Geh??rt man nicht zu den wohlhabenderen Menschen, ist man immer nur auf den Kauf einer geringen Anzahl von Flaschen eines gro??en (und damit h??ufig auch sehr teuren) Weines begrenzt. Oder man m??sste man sich in der Breite begrenzen, was den Entdeckungsraum deutlich eingrenzte. Daher reduziert man lieber die Menge und kauft sich nur eine oder zwei?? Flaschen und die man meist zeitnah auch ??ffnet. Daraus resultiert u.a., dass viele Weintrinker mittlerweile ein ver??ndertes Geschmacksbild haben. Sie kennen kaum noch den Geschmack von gereiften Weinen und nehmen Reifenoten eher negativ wahr. Nebenbei beeinflusst dies wiederum die Weinproduktion. Weine m??ssen, um am Markt mitzuhalten, bereits fr??h trinkbar sein.

Doch brauchen gro??e Weine Zeit, um ihr volles Potential zu erlangen. Bei Rotweinen ist dies noch weitgehend Konsens, die Gerbstoffe m??ssen durch die Reife abfedert werden, damit man ??berhaupt erst Zugang zu dem vollen Geschmacksbild erhalten kann. Doch auch bei gro??en Wei??weinen ist dies so. In jedem Buch ??ber die Weine des Burgunds wird dem Konsumenten geraten, die gro??en Wei??weine erst einige ??Jahre zu lagern, bevor man diese ??ffnet. Denn erst dann offenbaren sie ihre wirkliche Gr????e. Doch dies ist kein Alleinstellungsmerkmal des Burgunds. Auch gro??e Rieslinge bed??rfen Zeit, die viele Konsumenten leider nicht aufbringen. Gew??nscht ist leider h??ufig nur die Frische und Knackigkeit beim Riesling – was per se nat??rlich kein Fehler ist. Aber die gro??en Weine aus dieser Rebsorte sind in ihrer Jugend noch viel zu sehr von eben dieser gepr??gt. Sie entfalten, wie die gro??en wei??en Weine des Burgunds oder die bedeutenderen Gew??chse aus Bordeaux, ihre volle Pracht und Tiefe erst nach einiger Zeit. Sich diese zu nehmen lohnt sich.

Da im Handel nicht gerade h??ufig die M??glichkeit besteht reifere Weine zu erwerben, sollte man also Weine weglegen. Es ergeben sich daneben immer wieder Chancen, solche Weine zu erwerben. So geschah es vor kurzem, dass das Weingut Balthasar-Ress ein Angebot machte, den Zuschauern der Internetshow „100?? Oechsle“ von Dirk W??rtz eine Flasche 2001er Hattenheimer Nussbrunnen zu einem fairen Preis zu Verf??gung zu stellen. Diese konnten w??hrend der Show den Wein zu Hause verkosten und dann ihre Impressionen via Twitter mit anderen teilen. Ich besorgte mir eine solche Flasche, konnte dann aber leider aus Zeitgr??nden die Show nicht verfolgen. Daher m??chte ich meine Impressionen nun an dieser Stelle wiedergeben. Eine gute M??glichkeit, dem gereiften Riesling eine Plattform zu bieten und zu schauen, was ein solcher nach knapp 9 Jahren noch kann:

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Der 2001er Hattenheim Nussbrunnen ist ein gescheitertes Erstes Gew??chs, da er damals nicht als solches zugelassen wurde. Daher schm??ckt ihn eine Goldkapsel, die dem Weinfreund schon von weitem signalisiert, ich bin ein Hochkar??ter. Und auch nach 9 Jahren merkt man dies, wenn man den Wein im Glas hat.

Er pr??sentiert sich goldgelb, in der Nase dominieren Waldhonig und Zitrusaromen. Die Reife des Weines hat keine Petrolnoten entstehen lassen. Er beeindruckt mit einer Dichte und Tiefgr??ndigkeit, die man bei jungen Rieslingen dieses Kalibers so nicht findet. Das Aromenspiel ist sehr ausgewogen.
Auf der Zunge ist der Wein deutlich frischer und leichter, als man dies angenommen h??tte. Er wirkt beinahe jugendlich, w??re da nicht eine wunderbar eingebundene S??ure, die nicht mehr so knackig ist, wie dies in jungen Jahren w??re. Auch hier schmeckt man die Zitrusaromatik, gepaart mit einer dezenten Mineralik. Der Wein ist vollmundig und hat einen sch??n langen Nachgeschmack.

Der 2001er Hattenheim Nussbrunnen ist kein easy-drinking-Wein. Er ist zu tiefgr??ndig und komplex, als dass man ihn entspannt mit gr????tem Genuss auf der Terrasse trinken k??nnte (wobei man dies nat??rlich trotzdem tun kann). Wie es sich meines Erachtens f??r einen gro??en Wein geziemt, zitiert er ein Essen herbei. Mit einer Steinpilzfarce gef??llte Stubenk??ken haben sich bei bew??hrt.

Dieser Versuch zeigte, dass es ein gro??er Gewinn sein kann, Weine reifen zu lassen. Man muss sich auf ein anderes Geschmacksbild einstellen, als man dies von jungen Rieslingen gew??hnt ist, dann aber hat man ein besonderes Weinerlebnis. Es ist gerechtfertigt, Weine mal ??ber Jahre wegzulegen. Nicht immer den neuesten Jahrgang trinken – lieber mal einen ??lteren Wein. Vielleicht f??llt das jahrelange Weglegen manchem Weinfreund nicht leicht, will er doch diesen Wein trinken. Es lohnt sich aber, Geduld zu haben. Man schmeckt dann, dass der Riesling ein K??nig unter den Wei??weinrebsorten ist.

[Aber nicht den Fehler machen und einfache Rieslinge so lange zu lagern – meistens hat man dann wenig Freude mit dem Wein.]

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Links:

Weingut:

http://www.balthasar-ress.de/

100?? Oechsle:

http://tv.wuertz-wein.de/

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Eine Antwort zu Gereifter Riesling in der Massenkonsumgesellschaft

  1. Anonymous schreibt:

    Hallo Peter, meines Erachtens ist der 2001er auch ein wirklich lagerf??higer Jahrgang. Vor etwa einem halben Jahr habe ich ein 2001er GG Kirchspiel vom Weingut Wittmann aufgemacht, der war als 9 Jahre alter Wein nicht zu erkennnen, so frisch – auch in der Saure – pr??sentirte er sich. Potential sicher noch 3-5 Jahre, daher lasse ich derzeit die Finger weg von meinen 2001ern

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