Eine kurze Geschichte über Châteauneuf, die Päpste und den Wein – und eine Vertikale mit Matthieu (Weinrallye 44)

Traditionell zieren die Tiara und die Schlüssel Petri die Flaschen der Weine aus Châteauneuf-du-Pape. Dieses Design verdeutlicht einen Anspruch auf eine weit zurückreichende Geschichte – zurück bis in die Zeit des 14. Jahrhunderts, der Ära des avignonesischen Papsttums. Die Weine aus Châteauneuf-du-Pape genießen heute ein sehr großes Ansehen, doch reicht ihre Geschichte wirklich so weit zurück? Genossen die Weine bereits im späten Mittelalter solch ein Ansehen?

Unter Clemens V., seit 1305 Papst, zog im Jahre 1309 die Kurie nach Avignon. Dies hatte zahlreiche Gründe. So stand das Papsttum bereits seit seinem Vorvorgänger Bonifaz VIII. stark unter immer stärker werdenden Einfluss des französischen Königs Philipp IV. Clemens, selber Franzose, widersetzte sich nicht mehr diesem Einfluss. Dies verdeutlicht sich unter anderem in seinem Agieren während der Verfolgung und Auflösung des Templerordens. Auch nahm Anfangs des 14. Jahrhunderts die Macht der römischen Adligen dermaßen zu, dass die Päpste weitgehend mit innerrömischer Politik gebunden waren. Das Ausweichen unter Clemens V. nach Avignon war zunächst eher temporärer Natur. Er wechselte noch häufig seine Residenzorte – Avignon spielte noch nicht die Rolle, die es bald einnehmen sollte. Nebenbei: Clemens V. findet sich noch heute in der Weingeschichte indirekt wieder. Er besaß, als er noch Erzbischof von Bordeaux war, ein Weingut, das er dann als Papst dem Erzbistum übereignete. Dieses Weingut existiert noch immer und heißt Château Pape Clement.
Unter Clemens V. Nachfolger, Papst Johannes XXII., begann der wirkliche Ausbau Avignons zur päpstlichen Residenz. Von nun an kann man das „avignionesische Exil“ als fest betrachten. Dieser war es auch, der Châteauneuf seit 1318 zur päpstlichen Sommerresidenz ausbauen ließ. Auch das Anpflanzen von Wein ist für diese Zeit belegt.

Moz-screenshot-46

Wein spielte eine wichtige Rolle. Natürlich ist er ein unersetzliches Element der christlichen Liturgie. Dies sorgte dafür, dass im Mittelalter überall wo das Christentum Verbreitung fand auch Wein angebaut wurde. Der Weinbau reichte daher bis nach Irland und Skandinavien. Aber noch wichtiger als seine liturgische Bedeutung war seine Rolle als Lebensmittel. Wasser war bis weit in die neueste Zeit hinein ein gefährliches Getränk, da es von Keimen verseucht, Krankheiten schnell verbreitete. Ein Hof wie der päpstliche in Avignon brauchte daher große Mengen Weines. Einerseits für die am Hof lebenden Personen und deren Bedienstete – hierfür war das Wein- und Brotamt zuständig – andererseits benötigte das Almosenamt ebenfalls große Mengen Weins. Die kuriale Verwaltung führte über die Einfuhren von Gütern, Lebensmitteln und Wein genau Buch. So ist heute noch ersichtlich, woher die Kurie ihren Wein bezog. Dank der Habilitation von Stefan Weiß über „Die Versorgung des päpstlichen Hofes in Avignon mit Lebensmitteln (1316-1378)“ kann man leicht diese Einkäufe nachverfolgen. Die Kurie bezog den mit Abstand größten Teil ihrer Weine aus der Provence und dem östlichen Languedoc. Beaucaire, Nîmes, Lunel, später auch Valence, werden häufig aufgeführt. Aber auch nördlichere Anbaugebiete beliefern den Hof, so u.a. Saint-Pourçain. Seit Papst Clemens VI., er war von 1342 bis 1352 Papst, wurde intensiv Wein aus dem Burgund bezogen. Der burgundische Wein  galt damals als der beste Wein und diente ausschließlich exklusivem Konsum. Hierauf basiert auch die Anspielung Petrarcas, dass die Päpste nur wegen des Weines aus Beaune nicht nach Rom zurückkehrten. Aber die Listen zeigen, dass Wein explizit aus Châteauneuf keine Rolle spielte.

Moz-screenshot-47

Die Weine aus Châteauneuf-du-Pape gibt es unter dieser Bezeichnung erst seit dem 19. Jahrhundert. Bis dahin firmierten sie als Vin d’Avignon. Einige Erzeuger dieser Region können aber über eine jahrhundertelange Weinbautradition mit großer Reputation zurückblicken – z.B. das Château de Beaucastel. Die im 19. Jahrhundert innerhalb Frankreichs gestiegene Reputation der Weine aus Châteauneuf nahm mit der Reblauskatastrophe ein jähes Ende. 1923 schaffte Baron Le Roy vom Château Fortia es mit Unterstützung von weiteren Winzern ein Reglement für die Weine aufzustellen, das als Vorläufer des AOC-Reglements gilt. Erst jetzt begann langsam der bis heute anhaltende Erfolg des Weinbaugebiets. Noch 1959 betonte der englische Schriftsteller und Verfasser wichtiger Weinbücher Alec Waugh in seinem Buch „Praise of Wine“, dass es zwar gute Erzeuger in Châteauneuf-du-Pape gebe, dass Anbaugebiet aber keinesfalls zu den bedeutenden der Welt gehörte. Zur Ehrenrettung muss hinzugefügt werden, dass er nur vier Anbaugebiete als wirklich groß bezeichnete: Burgund, Bordeaux, Mosel, Rhein.
Wahrscheinlich spielte Robert Parker die wichtigste Rolle für den weltweiten Siegeszug von Châteauneuf-du-Pape. Leider sorgte sein Einfluss auch für ein massives ansteigen der Preise.

Eine Beaucastelvertikale mit Matthieu Perrin

Die Weine aus Châteauneuf-du-Pape sind nicht leicht in ein Raster zu stecken, wie die manch anderer Anbaugebiete. Bis zu 13 Rebsorten dürfen für die Rotweine verwendet werden. Manche Erzeuger verwenden nur eine Rebsorte, wie das Château Rayas, dessen Châteauneuf aus Grenache gekeltert wird. Das Château de Beaucastel hingegen nutzt sämtliche 13 Rebsorten. Dadurch können jedes Jahr Weine erzeugt werden, die in ihrer Individualität doch immer wieder typische Beaucastelweine sind. Das 1909 von Pierre Tramier erworbene Weingut ging an seinen Schwiegersohn Pierre Perrin über und bis heute ist es im Besitz der Familie Perrin.
Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit an einer Vertikalverkostung von Beaucastel-Weinen mit Matthieu Perrin teilzunehmen. Hier wurde deutlich, wie trotz der Jahrgangsunterschiede sich doch eine typische Beaucastel-Handschrift in der Stilistik wiederfand.

Moz-screenshot-45

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape rouge 2001

Dichte Nase nach roten und dunklen Beeren, leichte Reifenoten. Weiche, süße Frucht, etwas eingekochte rote Beeren, Pflaume und etwas nussig. Tannine eingebunden, leichte Säurestruktur. Ein großartiger Châteauneuf, nahe se
inem Höhepunkt.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape blanc 2002

Das Jahr 2002 erbrachte nicht die notwendige Qualität im Lesegut, so dass kein roter Châteauneuf gekeltert wurde. Dunkel goldgelbe Farbe, Honig, würzig, dezente Holznoten. Dicht und beinahe schon ölig, trotz geringer Säure eine angenehme Frische. Nussig und Noten von Orangenschale. Man sollte definitiv häufiger weißen Châteauneuf trinken – wäre er nur nicht so teuer…

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape rouge 2003

Typisch für den heißen Jahrgang 2003: marmeladige rote Früchte, Pflaumen, wirkt eingekocht. Nur wenig Säure und Tannine. Brombeernoten, rote Beeren. Wirkte leicht alkoholisch. Ein Wein, der schleunigst getrunken werden sollte, denn zum wegschütten ist er viel zu gut.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape rouge 2004

In diesem Jahrgang dominieren die Garriguenoten, wo sonst die Frucht im Vordergrund steht. Dunkle Beeren und Pflaume. Eine dezente Säure verleiht ihm eine angenehme Frische. Er wirkt nicht so schwer. Noch deutliche Tanninstruktur. Ein würziger Châteauneuf, der noch Zeit verträgt und bestimmt gerne zum Essen getrunken werden will. Ich war begeistert.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape rouge 2005

Warmer Jahrgang also viel Frucht. Rote Früchte dominieren die Nase, nur dezente Noten von dunklen Beeren und der typischen Garrigue-Kräuternoten. Voll, üppig, fruchtig. Tannine und Säurestruktur stützen den Wein noch für ein paar Jahre.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape rouge 2006

Wieder ein nicht ganz so heißes Jahr. Die Frucht ist stärker von dunklen Beeren geprägt, würzig – aber nicht so ausgeprägt wie 2004. In diesem Jahrgang trat der Fassausbau am stärksten hervor, Noten von Holz und Tabak. Sehr vollmundig und eine prägnante Säurestruktur. Ein Wein der noch ein paar Jahre Zeit braucht, und dann – zumindest mir – großartig schmecken wird.

Château de Beaucastel Châteauneuf-du-Pape rouge 2007

Wieder einer der großen gehypten Jahrgänge. Damit wieder ein Fruchtmonster. Rotbeerig, aber mit leichten Lakritznoten. Dieser Wein ist viel zu jung. Weglegen, vergessen, in ein paar Jahren noch mal probieren. Er wird definitiv ein Wein für Freunde des massiven Weins sein.

Meine Erkenntnis des Abends war nicht nur, dass Châteauneuf viel Spaß macht – obwohl, das wusste ich eigentlich schon vorher. Die Weine des Château Beaucastel haben mich völlig überzeugt. Leider sind sie nicht ganz billig – eher das Gegenteil. Ich habe für mich festgestellt, dass ich kein Freund der großen Jahrgänge bin – die Weine aus 2006 und besonders 2004 gefielen mir dank ihrer Dunkelbeerig- und Kräuterigkeit am besten. Aber das galt natürlich nicht für jeden Teilnehmer an diesem Abend. Wie immer gilt, selber rausfinden und nicht auf andere hören. Also: meine Anmerkungen gleich wieder vergessen.

Literatur:

Weiß, Stefan: Die Versorgung des päpstlichen Hofes in Avignon mit Lebensmitteln (1316-1378). Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte eines mittelalterlichen Hofes, Berlin 2002.

Waugh, Alec: Praise of Wine, London 1959.

Moz-screenshot-48
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Eine kurze Geschichte über Châteauneuf, die Päpste und den Wein – und eine Vertikale mit Matthieu (Weinrallye 44)

  1. ChezMatze schreibt:

    Ganz meine Meinung. Sagte nicht Johnson, er w??rde aus Bordeaux in den gro??en Jahren die kleinen Weine und in den kleinen Jahren die gro??en Weine bevorzugen? Ich finde das pauschal sehr nachvollziehbar, wobei "klein" nat??rlich nicht immer nur "k??hl" meinen kann, sondern auch "anderweitig kompliziert". Und deshalb finde ich genau wie Du 2004 und den doch schon wieder in Bausch und Bogen verdammten Jahrgang 2008 an der s??dlichen Rh??ne am interessantesten. 2007 sind mir schon die kleinen Weine zu hei?? geraten. Aber ich bin nat??rlich auch ein elender Cool-Climate-Freak. Da tut man sich bei aller Sympathie bei Ch??teauneuf ein wenig schwer…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s